Sie war umwerfend schön und sie glich einem Wunder, denn sie stand mitten in einer Sanddüne in der Wüste, die Orobanche, das Sommerwurzgewächs, das ich da vor mir sah. Es kommt in dem gesamten Saharastreifen, von Marokko bis Palästina vor, auf sandigen und steinigen Böden. Und hier war ich vor kurzem wieder einmal unterwegs. Die Blume sah aus wie eine Hyazinthe, mit leicht violetten Blüten und ragte an die 30 cm aus dem Sand. Kein Blatt, keine Zweige, nur der Stängel mit den Blüten. Wovon lebte diese Pflanze nur, so ganz ohne Blätter? Ob sie wohl meterlange Wurzeln hatte? Woher nahm sie nur ihre Nährstoffe, ihre Energie und wie nahm sie diese auf? Mein schlauer Bruder, ein Botaniker, klärte mich dann darüber auf. Die Pflanze ist ein Parasit. Sie ist selbst nicht fähig, sich zu ernähren und zapft deshalb andere Pflanzen an. Als ich mich dann umschaute, war da jedoch nichts. Nur ein fast vertrockneter Ginsterstrauch oder etwas Ähnliches stand in meterweitem Abstand zwischen Sand und Fels. Ob er als Wirt herhalten musste, um diese wunderbare Pflanze zu nähren und zum Blühen zu bringen? War der Ginster deshalb so schwach? Es war wirklich ein kleines Wunder, hier, mitten im Sand.
Beim Bestaunen der Pflanze fiel mir ein, dass wir Menschen allesamt auch Parasiten sind, die ihre Kraft von anderen beziehen. Auch der legendäre Selfmademan, der angeblich alles selbst geschafft hat, sich vom Tellerwäscher zum Millionär hochgearbeitet hat, war schließlich auch einmal Kind, angewiesen auf seine Mutter und unfähig nur aus sich selbst zu leben. Wir alle leben von und durch unsere Mitmenschen, die Nahrung produzieren, die Arbeit geben, die Mobilität ermöglichen. Was mich betrifft, so lebe auch ich durch meine Familie und von wirklich guten Freunden. Die sind nämlich für mich da, wenn es nicht mehr weitergeht. Sie hören zu, sie geben Trost und sie teilen dabei ihre eigene Kraft mit mir. Menschen, die in einer Religion beheimatet sind, werden vielleicht sagen: Ich schöpfe meine Kraft auch aus meinem Glauben. Christen verwenden bisweilen die Bildsprache, um dies auszudrücken, alte Bilder, die sie der hl. Schrift entnehmen, z.B. Christus als Weinstock und die Gläubigen als die Trauben daran. Und vielleicht haben Sie auch schon einmal in einer Kirche oder auf einer Abbildung einen Pelikan gesehen, der sich die eigene Brust aufhackt, um seinen Jungen zu trinken zu geben. Auch dies ist ein Bild für die Fürsorge Gottes, für das Angewiesensein des Menschen auf eine Wurzel und die Unfähigkeit, aus sich alleine alles machen zu können. Ich hoffe dabei natürlich, dass es niemandem so geht wie der Wüstenblume. Nein, sie ist nicht verdorrt. Ein dummes Kamel hat sie abgefressen.