hr2 - Zuspruch
- Bitte nicht berühren!

Ein beschrifteter Stein, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte, ein Stein aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus – der Rosetta-Stein im Britischen Museum in London. Der muss vermutlich niemals abgestaubt werden. Im Gegenteil, er sieht ordentlich glatt poliert aus, denn viele Hände von ungezählten Besuchern haben auf ihm ihre Spuren hinterlassen. Wollte man dies verhindern, müsste man ihn wohl unter eine Glasglocke stellen. – oder einen Wächter mit Fliegenklatsche direkt daneben, um den Leuten eins auf die Finger zu geben. Leider geht es nicht nur diesem Stein so. Viele Gegenstände in aller Welt erleiden dieses Schicksal: Sie werden ständig angegrabscht, sofern sie nicht tatsächlich irgendwie geschützt sind. Gerade in Museen aber scheinen die ausgestellten Stücke eine nahezu magische Anziehungskraft auf die Besucher auszuüben, diese auch zu berühren. Ich glaube das liegt einfach daran, dass überall geschrieben steht: Bitte nicht berühren. Dieser kleine Satz stellt geradezu eine Herausforderung dar, die Dinge nicht nur genauer in Augenschein zu nehmen, sondern sie auch schlichtweg anzugrapschen. Wenn man jemanden darauf hinweisen würde, dass dies den Objekten doch schade – ich bin sicher, man bekäme die wundersamsten Antworten: Wenn ich da mal kurz hinfasse, das macht doch nichts! Oder: Wie? Habe ich da gerade hingefasst? Und der Betreffende hätte vermutlich noch nicht einmal gelogen, denn wahrscheinlich war es ihm gar nicht bewusst. Bitte nicht berühren – so heißt es auch in so manchen Märchen. Da gibt es zum Beispiel jenes Zimmer, zu dem nur der eine goldene Schlüssel passt. Der Raum darf auf keinen Fall betreten werden. Oder wie war das noch mit Eva im Garten Eden? Sie muss wohl Qualen gelitten haben, die Früchte des Baumes zu sehen, sie aber nicht essen, ja sie noch nicht einmal berühren zu dürfen, wie sie gegenüber der Schlange behauptet. Bitte nicht berühren – Für mich enthält dieser Satz sogar etwas Magisches oder Sakrales, etwas Heiliges. Das Übertreten des unmissverständlichen Wunsches, die Finger davon zu lassen, erschließt tatsächlich eine andere, eine neue Welt. Im Garten Eden bekommt der Mensch sogar Anteil an ursprünglich göttlichen Fähigkeiten, die Gabe der Unterscheidung nämlich, und das ist doch eigentlich gar nichts Schlechtes! Umso erstaunlicher ist es, dass sich viele Menschen heute kaum mehr mit dem Heiligen schlechthin, mit Gott beschäftigen. Wie man das ändern könnte? Vielleicht sollte man ihm einfach ein Schild umhängen mit der Aufschrift: Achtung, Heilig! Bitte nicht berühren!

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  • 13.08.2012, 06:30 Uhr - 06:34 Uhr auf hr2
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